Die Chronik von Yoga for Future

Viele Gedanken, viele Gefühle haben mich zu diesem Projekt geführt. Schon bevor es beginnt, ist es mir ans Herz gewachsen, und ich bin so dankbar, dass ich ein Ventil für mein inneres Drängen gefunden habe. Ich habe versucht, es in die Welt zu streuen … mit Mails, Plakaten, Kontakten … sogar die Zeitung entschied sich, einen launigen Artikel zu veröffentlichen und wünscht uns Namaste. Und nun ist es also so weit, meine Idee, die sich auch anlehnen darf an eine gleichnamige Internet-Organisation in Berlin, findet ihren Weg ins Leben …

10. Januar 2020

Ich bin extra früh ins Bett gegangen, habe alle Dinge, die ich brauche, bereit gelegt. Viel ist es nicht, denn ein Teil meiner Vision ist die Vereinfachung: Es braucht nicht viel, um sich zu erleben, um den Wandel möglich werden zu lassen. Das Plakat, die Zimbel, den Ablauf, den Text für das Mantra und die Widmung. Das war‘s.

Das Wetter ist großartig, ein wenig windig vielleicht, und kühl, aber die Sonne verspricht über dem See aufzugehen. Das Plakat hängt … ich habe mich entschieden, an welchem Platz ich stehen werde. Das gibt mir Sicherheit in diesem mir noch ganz neuen Rahmen. Es ist 7.50 Uhr und wir stehen zu zweit da … und ich frage Hans-Peter, wie lang mein Atem sein muss, bis sich Yoga for Future etabliert hat, und ab welchem Punkt ich einsehen muss, dass es eine dumme Idee war … da sehe ich unsere Nachbarn anradeln. Und dann noch mehr Menschen, die sich unsicher der Seebühne annähern … ich gehe auf sie zu, lade sie ein. Schüler, Studierende, ältere Leute … die Bühne füllt sich, gut zwanzig sind es gegen 8 Uhr und wir beginnen. Stehen ein erstes Mal in einem großen Kreis und schauen uns an. Herzlich Willkommen zu Yoga for Future!

Wir werden still und atmen … ich lese ein Zitat vor, warum Yoga im Zusammenhang mit dem prekären Zustand von Natur und Erde sinnvoll ist … und wir beginnen zu üben … fließen in unseren Körpern, spüren den Halt und die Stabilität, die uns die Erde schenkt, erleben die Weite, die im Tun entsteht … zwischendurch verliere ich den roten Faden, weil der Sonnenaufgang mit den rosa beschienen feinen Wolken gar so schön ist. Doch dann geht es weiter: Der kosmische Mensch mit seinem umfassenden Blick auf unseren geborgenen Platz auf dieser Erde …

Wir treten aufeinander zu und beginnen, das Schutzmantra zu singen … Ong Namo, Guru Dev Namo … welches auch um Führung bittet, damit wir offen werden, für unsere Intuition von Innen und neue Inspirationen von außen. Ein kleiner Chor, der sich dort mutig und offen zusammentut …

Am Ende die Widmung … und wir werden wieder still. Keiner mag gleich gehen, Gespräche zwischen Fremden entstehen, Plakate werden angefragt … für Schulen, Universität, Freunde … ein Schüler sagt: „Ich bin richtig wach geworden“ – und ich glaube, das bezog er nicht nur auf seine nackten Waden. Es ist schön, wenn wir alle wach werden! Bis nächste Woche also …

Ganz beseelt gehe ich wieder heim … und finde später ein wenig Obst und Gemüse, eine kleine Frühlingspflanze von meinem Nachbarn, der auch dabei war … DANKE!

17. Januar 2020

Ist das zweite Mal schon Routine? Ich weiß nun, dass die Karabiner des Plakates halten, kenne meinen Platz … habe mir Gedanken gemacht, welche Inhalte heute ins Erleben führen können …

Das Wetter erneut von berührender Schönheit. Ich fühle mich wie bestätigt und so unterstützt dadurch! Heute werde ich nicht ungeduldig, das Vertrauen wächst. Und es kommen Menschen. Neue, und schon bekannte Gesichter … manche bleiben auch weg.

Wir finden uns im Kreis zusammen – heute gibt es etwas mehr Platz und alle möchten gern in Richtung der aufgehenden Sonne schauen.

Die Zimbel, ein neues Zitat, welches die Besinnung auf die eigenen Ressourcen deutlicher macht. Die Frage: Was berührt mich besonders? Und der Ausweg über das laute Seufzen, wenn die Arme von oben der Erde zusausen.

Wir üben, bewegen uns. Für einen Moment entgleite ich ein wenig in ein Wollen, so dass ich das „Besser“ fordere, von mir und den anderen … und ich lasse es wieder los, so dass wieder ein Fließen Raum bekommt, die Richtungen der Wirbelsäule, die alle Weisheit von Aufrichtung, Geschmeidigkeit, Hinwendung, Beweglichkeit in sich trägt …

Abschließend das AUM – die Verbindung von Herz und Schaffenskraft, die sich im Universum wiederfinden … Und die Widmung. Danke – von mir und von anderen!

Eine ältere Dame ist ganz glücklich, denn es geht ihr gerade nicht so gut. Sie genießt es, in Yoga for Future einen wohltuenden Anker zu finden. Eine andere freut sich, sie habe sich so angesprochen gefühlt – und nimmt gleich noch ein Plakat für das Blättle mit. Neugierig schaut eine weitere vorbei … liest das Plakat. Sie kommt von der Morgenandacht und dem gemeinsamen Frühstück. Und eine junge Psychologie-Studentin setzt sich in die Sonne, um gemütlich ihren Tee zu trinken, bevor es zur Uni geht. Wir sind uns einig … es geht darum, authentisch zu sein und ehrlich zu sich selbst. Daraus entsteht die mühelose Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen und etwas zu verändern.

Auf dem Weg nach Hause nehme ich diesen Gedanken mit: Ich muss nichts beweisen, ich darf einfach ich selbst sein … und genau das wird die Menschen, die zu Yoga for Future kommen, berühren.

Ich schreibe ein weiteres Schild für die Mitte: „Ich darf einfach sein.“

24. Januar 2020

Ich mache mich auf den Weg und lege das neue Schild in die Mitte. Es begleitet uns durch den strahlenden und eisekalten Morgen, an dem wir auch Schnattern dürfen und uns die Hände reiben.

Es ist die Woche des Weltwirtschaftsgipfels in Davos. Weniges ist dabei heraus gekommen. Und Australien brennt …

Wie geht es mir damit? Und dir?

Wir schütteln uns durch, die Füße und Beine, den Oberkörper, die Arme und Hände … um auch die Ängste abzuschütteln. Wir klopfen uns aus, um uns wieder zu spüren, frei zu sein für Neues Denken, Neue Visionen … um Kraft zu schöpfen. Der Kutscher mit seiner klaren Ausrichtung, das Schulter auf Schulter – tragen und getragen werden mit starken Beinen … hin und her …

Zum Schluss die Metta-Meditation … möge ich glücklich sein, möge ich mich sicher und geborgen fühlen, möge ich gesund sein, möge ich gut für mich sorgen … und Du … und wir … und alle Wesen!

Danke!

31. Januar 2020

Sonne … schon geht sie früher auf über dem Berg. Inzwischen sind alles Sportklamotten den Wintermänteln, Handschuhen, Mützen und Schals gewichen und wir sind gut gewappnet. Auch kleine und feine Bewegungen dürfen so Einzug halten … bevor mit ihrem Erscheinen die Sonne beginnt uns zu wärmen.

Ich zitiere Alois, einen österreichischen Physiker und Skilehrer: „Yoga ist für mich eine Anleitung, um die verwirrte Welt zu ordnen.“

Wir ordnen sie im Kreisen – der Arme, des Beckens, der Dreiecksfolge, der Baumfolge … verbinden den inneren und den äußeren Kreis der Arme zu einem gemeinsamen Tanz.

Es wird ein schöner Tag. Eine Teilnehmerin sagt, dieses Yoga for Future erscheine ihr wie ein Morgengebet.

7. Februar 2020

Es ist ungemütlich am See … und alle sind ein wenig in sich gekehrt. Und doch werden die Gesichter offener, denn wenn es ungemütlich wird, sind auch diese kleinen Rituale wie ein Morgen mit Yoga for Future schon wärmende Anker in den Alltag hinein.

Im Üben begegnen wir uns und kommen in Gleichklang und das abschließende Mantra hat eine große Kraft.

14. Februar 2020

Heute ist alles anders. Das Wetter sehr wechselhaft – auch wenn auf dem Weg zum See die Sonnenstrahlen einen Berg in der Ferne mit einer wunderschön leuchtenden Aureole kränzen. Der Sturm Sabine hat uns alle heftig durchgeschüttelt und die Nächte unruhig werden lassen. Das Dach der Seebühne ist so heftig zerrissen, dass es abmontiert wurde – und die Seebühne gleich komplett gesperrt wurde.

Also üben wir einfach daneben. Stellen uns auf die Stufen am See, so dass auch hier der Blick auf die aufgehende Sonne frei wird. Freuen uns, dass es so leicht ist, Lösungen zu finden :-)

Nach und nach kriechen immer mehr Menschen aus ihren Winkeln und reihen sich auf den Stufen ein und wir beginnen nun schon ganz vertraut. Kraftvolles, energetisches Üben … Flexibilität und Klarheit im Blick. Das lockt auch eine Schulklasse zu uns und ein Junge stellt sich direkt vor mich, hebt seinen Fuß ans Knie und brüllt mir ein OM entgegen. Ich sage ihm, dass er gern mitüben darf … und er tritt ein paar Schritte zurück und kommt der Einladung mit einigen seiner Freunde nach. Ganz ruhig und aufmerksam sind sie und verabschieden sich, als der Lehrer sie ruft, um gemeinsam auf den Spielplatz zu gehen.

Die Vertrautheit ist anschließend noch größer und der einsetzende Regen lässt uns näher zueinander rücken. Die Mützen und Kapuzen reichen gerade für alle Köpfe. Gemeinsames Schwingen der Beine und Standwaagen im Kreis … und fast schon ein schmerzlicher Abschied in die Fasnachtsferien.

Im März geht es weiter … und schon ist es soweit.

06. März 2020

Die Nacht über hat es gestürmt und es stürmt weiter … und weiter. Der Himmel ist von tief hängenden Wolken verdunkelt und ich befürchte, allein am Treffpunkt zu sein. Doch nein, eine Frau wartet schon, dick eingemummelt und mit Kapuze. Und ein älterer Mann gesellt sich dazu. Und später dann noch ein bekanntes Gesicht.

Vor dem flatternden Plakat erinnern wir uns an die Herausforderungen unserer Zeit, über die letzten Wochen angereichert um die Frage, wie mit dem Corona-Virus umzugehen sei. Und wir erleben dann, dass es möglich ist, trotz allen Widrigen in freudige, kraftvolle, stabilisierende, energetisierende Bewegungen zu kommen.

Und wieder bekommen wir Besuch … eine Gänsefamilie mit acht Jungen schaut neugierig zu, watschelt und schnattert zwischen unseren Asanas herum, bis sie merken, dass Bewegung nicht satt macht, und sich trollen.

Abschließend die Metta-Meditation – für mich, dich, uns, alles Leben und die Erde und OM. Eilig ob der kalten Fingerspitzen trennen wir uns voneinander … wenn auch sicher nicht endgültig …

13. März 2020

Ein Frühlingsmorgen … hell leuchtend. Die Sonne wärmt freundlich.

Und wieder gibt es ein aber … denn der Corona-Virus ist zu einer allgegenwärtigen, überall diskutierten Präsenz geworden.

Wir üben zu fünft – etwas auf vorsichtige Distanz und doch in ruhigem und nährendem Miteinander.

Yoga tut gut. Es lässt die Wärme der Sonne deutlicher spüren. Es lässt den Körper zu neuem Leben erwachen. Es lässt das Miteinander durch alle Adern fließen. Und auch ohne uns körperlich nah zu sein, empfinden wir die labende Verbundenheit.

20. März 2020

Gestern noch lief ich bei strahlendem Sonnenschein an der Seebühne vorbei und freute mich, weil sie wieder geöffnet ist … und nun sehe ich die Zahlen über die Entwicklung der Corona-Pandemie.

Und … ich werde Yoga for Future bis zum 20. April aussetzen.

Ich wünsche Euch allen, dass Ihr heil und mit neuen Visionen durch diese Zeit kommt … Wir sehen uns! Denn Yoga for Future kehrt zurück!

April 2020

Der Frühling ist da. Der See liegt in strahlender Bläue inmitten seines trägen Parks. Menschen spazieren oder joggen um ihn herum – auf Abstand bedacht und oft allein, oder auch zu zweit. Spiele auf der Wiese gibt es keine. Auch kein Grölen oder Grillen auf mitgebrachten Einmalgrills am Abend.

Die Welt ist in Änderung begriffen – auch was das Klima betrifft. Der Himmel leuchtet blau – keine Kondenzstreifen durchziehen ihn. Die Luft ist klar und atmet sich wunderbar frisch. Alles ist langsamer, ruhiger … für viele entspannter, für viele aber auch sehr einsam und sorgenvoll – oder im Gegenteil sehr anstrengend, weil sie zu den behandelnden, helfenden, versorgenden Menschen gehören.

Wir alle machen uns Gedanken darüber, wie es wohl weitergeht … kaum vorstellbar, dass nichts bleiben wird von dem, was wir gerade gemeinschaftlich und weltumspannend erleben.

Das Alte ist im Schwinden,
Das Neue trägt noch nicht.
An uns den Weg zu finden,
voll Ruhe und Zuversicht.

Auch ich folge dem Gebot des Yoga – das Jetzt zu leben. Ganz und gar. Ich möchte die Chance nutzen, um mit all den Erdenbewohnern gemeinsam Innenschau zu halten. Möchte die Verbundenheit erleben, mir überholte Maximen zu Wirtschaft und Gesellschaft bewusst machen – und neue Visionen, die der Weltenzeit eher gerecht werden, formulieren.

Es geschieht viel Leid in diesen Corona-Zeiten. Und das stimmt traurig!
Und doch vollzieht sich ein machtvoller Wandel, der in nur wenigen Wochen möglich machte, was niemand für möglich hielt. Wir können still werden und bescheiden, können uns im Rückzug an den kleinen Dingen freuen und die großen neu überdenken … und schauen nach dem Wohlergehen unserer Nachbarn …

Lasst uns diesem tiefen Wandel eine nachhaltige Richtung geben, ein Signal setzen, auf dass wir uns im Bewusstsein der Verbundenheit und der Verantwortung an den wahren Bedürfnissen der Menschen und allen Lebens auf dieser Erde orientieren mögen.

9. August 2020

Ich lese die letzten Zeilen und bin versucht, mir die Augen zu reiben. Ja, so war das. Unerwartete Räume taten sich auf, gesellschaftliche Irrtümer lagen auf dem Tisch … und es gab eine zwinkernde Zuversicht. Peu a peu gab es die Lockerung … das neue sich Ausdehnen in den nun nicht mehr freien Raum. Viel Wut, viel Überdruß, viel Zweifel … und eben auch viel Rückkehr zum Altvertrauten – sofern keine Pleite ins Haus stand.

Irgendwann waren die Lockerungen dann so, dass es wieder erlaubt war, Yoga for Future zu üben – oder Yoga for Health and Future, denn wie entscheidend die Gesundheit ist, das war uns deutlich geworden. Und doch … hat uns die Zukunft irgendwie überholt. Sie ist derzeit nicht im Blick … nur wenige Menschen verlaufen sich auf die Bühne.

Ich möchte neu denken, neu fühlen, mich wieder mit der Zeit verbinden, um mit dem Zeitgeist zu gehen, um den Fluss der Zeit aus dieser inneren Verbundenheit mit zu gestalten. Bis dahin wünsche ich Euch viele nährende und mutige Visionen, auf dass sie Lichtblicke in unser aller Zukunft werfen mögen.